Um was geht es in „Welch schöne Tiere wir sind“ von Lawrence Osborne?

Die 24-jährige Britin Naomi verbringt den Sommer mit ihrem Vater und ihrer Stiefmutter auf der griechischen Insel Hydra. Ihr Leben als Tochter eines unwahrscheinlich reichen Kunstsammlers ist, trotz der wunderschönen Atmosphäre der Insel, geprägt von Langeweile und Oberflächlichkeit. Zwar lernt sie auf der Insel die junge Amerikanerin Sam kennen, was zumindest etwas Abwechslung verspricht. Doch wirklich interessant wird der Urlaub erst, als die beiden zufällig den obdachlosen Flüchtling Faoud aufspüren. In Naomi reift eine Idee, eine Art Rachegedanke, um sowohl ihrem allürenhaften Vater als auch ihrer verhassten Stiefmutter einen Denkzettel zu verpassen. Faoud soll bei den beiden einbrechen und sie bestehlen – doch das geht gehörig schief …

Kritik zu dem Roman „Welch schöne Tiere wir sind“:

Welch schöne Tiere wir sind von Lawrence OsborneAuch wenn es in „Welch schöne Tiere wir sind“ ein Verbrechen gibt: Ein handfester Krimi oder gar Thriller ist der Roman keineswegs – diesbezüglich sollte man keine falschen Erwartungen haben -, aber darum nicht weniger interessant. Literarisch bewanderte LeserInnen mögen sich entfernt an eine Geschichte der griechischen Mythologie erinnert fühlen: Hier findet die Königstochter Nausikaa einen Schiffbrüchigen, dem sie hilft. Der allerdings ist in Wahrheit Odysseus – ein Flüchtling allerdings ist in diesem Moment auch er. Falls Lawrence Osborne das antike Drama bei seinem Roman tatsächlich im Kopf hatte, so hat er es jedenfalls meisterhaft in die moderne Zeit übertragen. Der sexuelle Aspekt des Originals fehlt ebenfalls nicht, aber das sich entspinnende Verbrechen gibt der Sache einen neuen Anstrich – und Osbornes Geschichte den entscheidenden Dreh.

„Welch schöne Tiere wir sind“ ist eine großartige Charakterstudie, die ihre Spannung aus ihren Figuren und deren Zusammenspiel zieht. Allen voran natürlich Protagonistin Naomi. Ihre unendliche Langeweile und ihr Lebensüberdruss haben sie gefühlskalt werden lassen. Gleichzeitig ist sie eine intelligente junge Frau, die es versteht, ihre Mitmenschen zu manipulieren. So bekommt sie was sie will – am Ende allerdings mehr, als sie erwartet hat. Immer wieder thematisiert Lawrence Osborne in seinen Romanen Menschen, die vor lauter Überdruss nach etwas suchen, was sie noch zu interessieren vermag. Doch tief geht ihr Interesse nie – auch Naomi ist bereits zu abgestumpft, als dass das gewaltsame Ende ihres Wunsches nach Rache an ihrem Vater sie noch groß berühren würde.

Osbornes Roman beginnt langsam, lässt sich Zeit, die Figuren Naomi und Sam vorzustellen und ihr Innenleben detailliert auszuleuchten. Erst als Flüchtling Faoud ins Spiel kommt, nach rund einhundert Seiten, nimmt die Geschichte Fahrt auf. Dank des ausgezeichneten, literarischen Stils des Autors sind selbst die langsameren Passagen des Romans ein Lesevergnügen, das sich um so mehr steigert, als sich Naomis Idee Bahn bricht und alles aus dem Ruder läuft.

Mein Fazit zu dem Buch Lawrence Osborne:

Was ein einzelner Mensch anrichten kann, ist erstaunlich. Naomis Rachepläne haben nicht nur schlimme Folgen für ihre Familie, sondern auch für Faoud und alle anderen Personen, die sie zu mehr oder weniger unfreiwilligen Komplizen in ihrem Spiel macht. Mit großer Kunstfertigkeit hat Lawrence Osborne in seinem neuen Buch eine Geschichte ersonnen, die überraschend und nachdenklich stimmend zugleich ist. Manchmal nimmt sich Osborne für seine Beschreibungen etwas viel Zeit, so wird beispielsweise die Insel nahezu ausufernd beschrieben. Doch schreibt er einfach so gut, dass man diesen Ort schon gerne besuchen möchte. Ob es einem dabei so langweilig würde wie Naomi? Vielleicht. Im Gegensatz zur charismatischen, aber berechnenden Protagonistin sollte man gehen, bevor der Überdruss einen auf verrückte Ideen bringt. Doch Spaß beiseite: „Welch schöne Tiere wir sind“ ist ein mehr als lesenswerter Roman mit glaubhaften Charakteren und einer faszinierenden Geschichte.

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Welch schöne Tiere wir sind: Roman
Welch schöne Tiere wir sind: Roman
  • Lawrence Osborne
  • Herausgeber: Piper
  • Gebundene Ausgabe: 336 Seiten

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