Um was geht es in „Die Nickel Boys“?

1962 hält Martin Luther King eine elektrisierende Rede in der Zion Hill Baptist Church in Los Angeles. Sie erscheint als Schallplatte, die der 16-jährige Elwood zu Weihnachten bekommt. Der Junge ist ein schlauer Bursche, dessen einziges Problem seine Hautfarbe ist – Schwarz sein ist in den 1960er Jahren in Amerika keine besonders gute Voraussetzung für ein friedliches Leben. Dennoch erhält Elwood eine Zulassung zum College. Aus ihm könnte etwas werden. Doch ein dummer Zufall sorgt dafür, dass er in eine Polizeikontrolle gerät, die für ihn nicht gut ausgeht. Die Behörden stecken ihn in die Besserungsanstalt „Nickel Academy“. Und auch hier gibt es keine Gerechtigkeit: Die schwarzen Jungen werden härter bestraft als die weißen, bekommen das schlechtere Essen und sind der Willkür der Wärter hilflos ausgeliefert. Gewalt und Missbrauch sind an der Tagesordnung und Elwoods Leben verläuft völlig anders als geplant – und von den Ideen von Martin Luther King bleibt nicht viel übrig in seiner kleinen Welt …

Kritik zu dem Roman „Die Nickel Boys“:

Die Nickel Boys von Colson WhiteheadKeine Frage: Colson Whitehead schrieb seinen Roman wie eine einzige Anklage. Erneut befasst er sich mit dem Thema Rassismus. Und was ob der überschäumenden Grausamkeit fiktiv wirkt, ist es nicht: Solche Besserungsanstalten gab es – einst fand man unter einer solchen Institution die vergrabenen Leichen von gefolterten und getöteten Insassen.

Whitehead hat all das gründlich recherchiert, und so erscheint sein Protagonist, der junge Elwood, als realistische Figur, einer unbarmherzigen und vor allem ungerechten Justiz ausgeliefert. Elwood versucht, sich in der „Nickel“ so zu benehmen, wie er es gewohnt ist: Freundlich, höflich, fleißig und aufrichtig. Vielleicht, so glaubt Elwood, schafft er es so, die Anstalt schnell wieder zu verlassen. Das ist ein Trugschluss, denn diese Eigenschaften bringen ihn hier nicht weiter – im Gegenteil bringen sie ihm nur mehr Schwierigkeiten ein, und er erfährt die ganze Härte dieses unbarmherzigen Systems.

Und auch für die Überlebenden ist nach der Entlassung aus dem Nickel nichts mehr wie vorher, ihr Leben nimmt in nahezu allen Fällen einen bitteren Verlauf. Das ist schwer zu lesen, weil es so authentisch wirkt und es zweifellos vorstellbar ist, dass es jemanden wie Elwood gab und vielleicht, irgendwo, immer noch gibt. Jemanden, dessen Leben durch Ungerechtigkeit und Willkür zerstört oder zumindest in Bahnen gelenkt wurde, die auch anders hätten verlaufen können.

Ein kleines Manko – zumindest ist dies mein Eindruck: So leidenschaftlich wie in „Underground Railroad“ wird Colson Whitehead in „Die Nickel Boys“ leider nicht. Der Ton in diesem Roman ist deutlich sachlicher, bisweilen distanziert, gelegentlich auch etwas sarkastisch. Es ist natürlich ein probates Stilmittel, das die Grausamkeiten einerseits scharf hervorhebt, andererseits den Leser auch vor zu viel Emotionalität schützt. Doch etwas mehr von dem anklagenden, emotionalen Stil aus „Underground Railroad“ wäre schön gewesen. Die nüchternen Beschreibungen nehmen der Geschichte an einigen Stellen den Flow.

Mein Fazit zu dem Buch von Colson Whitehead:

Letzteres ist, gemessen an der grundsätzlichen Qualität des Autors, schon eine Art Jammern auf höchstem Niveau. „Die Nickel Boys“ ist ein starkes, hervorragendes Buch mit einem schwer zu verdauenden Thema. Es ist Literatur, die gut und leicht lesbar geschrieben ist, aber nicht im herkömmlichen Sinn unterhalten will. Es hat einen Grund, warum Colson Whitehead einen Pulitzerpreis gewann, und der ist auch in diesem Werk zu erkennen.

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Die Nickel Boys von Colson Whitehead

Die Nickel Boys

  • Colson Whitehead
  • Verlag: Carl Hanser
  • 224 Seiten
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